Energietechnik 2026: Milliarden fürs Stromnetz – gebremst von Trafos und Fachkräften

Zwei Fachkräfte für Energietechnik mit Helmen analysieren Daten auf einem Tablet vor Strommasten beim Netzausbau.

Branchen-Radar · Lauf Juli 2026 · Lesedauer: ca. 7 Minuten · Diese Seite wird monatlich aktualisiert.

Das Stromnetz ist das Rückgrat der Energiewende, und sein Ausbau ist eines der größten Infrastrukturvorhaben Deutschlands. Die Übertragungsnetzbetreiber veranschlagen für das Übertragungsnetz Investitionen von rund 50 Milliarden Euro bis 2030, für die Verteilnetze rechnet die Bundesnetzagentur mit über 42 Milliarden Euro bis 2032, und bis 2045 sollen laut BDEW rund 26.000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen entstehen. Mit der im April 2026 beschlossenen Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes drückt die Politik zusätzlich aufs Tempo. Doch der Ausbau stockt an zwei Stellen, die kein Budget löst: knappe Komponenten und fehlende Fachkräfte – Letzteres benennen die Netzbetreiber selbst als eine der größten Hürden.

Ein Jahrzehnteprojekt mit gesichertem Bedarf

Die Dimension des Vorhabens ist ohne Beispiel in der deutschen Infrastrukturgeschichte. Die vier Übertragungsnetzbetreiber – 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW – schätzen die Investitionen ins Übertragungsnetz auf rund 50 Milliarden Euro bis 2030. Für die Verteilnetze, die den Strom in die Fläche bringen, kalkuliert die Bundesnetzagentur mit über 42 Milliarden Euro bis 2032. Der langfristige Rahmen reicht weit darüber hinaus: Bis 2045 sind nach BDEW-Angaben rund 26.000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen sowie Hunderttausende Transformatoren erforderlich. Der aktuelle Entwurf des Netzentwicklungsplans Strom 2037/2045 – die zweite Fassung wurde im März 2026 vorgelegt – konkretisiert diesen Bedarf.

Anders als in konjunkturabhängigen Bausparten ist die Nachfrage hier über Jahrzehnte gesetzlich und physikalisch gesichert: Der Windstrom aus dem Norden muss zu den Verbrauchszentren im Süden und Westen, und jede zusätzliche Wärmepumpe und jedes Elektrofahrzeug erhöht die Last in den Verteilnetzen.

BBPlG-Novelle: Freileitung statt Erdkabel, 45 neue Vorhaben

Am 29. April 2026 hat das Bundeskabinett das Zweite Gesetz zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes beschlossen; der Entwurf liegt inzwischen dem Bundestag vor. Die Novelle nimmt 45 neue Netzausbauvorhaben in den Bundesbedarfsplan auf – 39 Wechselstromvorhaben, drei Interkonnektoren zu Nachbarstaaten, zwei Gleichstromleitungen und eine Offshore-Anbindung – und ändert 13 bestehende. Für alle 58 Vorhaben wird der vordringliche Bedarf gesetzlich festgeschrieben, was die nachfolgenden Genehmigungsverfahren beschleunigt.

Der wirtschaftlich folgenreichste Punkt ist die Abkehr vom Erdkabelvorrang: Neue Höchstspannungs-Gleichstromleitungen sollen grundsätzlich als Freileitung realisiert werden, da Erdkabel ein Mehrfaches der Investitionskosten verursachen. Die Bundesregierung beziffert die einmaligen Investitionskosten allein für die neuen Vorhaben auf rund 44,65 Milliarden Euro. Finanziert wird der Ausbau über die Netzentgelte – ein politisch sensibler, aber eingeplanter Hebel, den die Freileitungs-Entscheidung dämpfen soll.

Für Projektierer, Netzbetreiber und den Leitungsbau bedeutet die Novelle: mehr genehmigungsreife Vorhaben in kürzerer Zeit – und damit einen weiter steigenden Bedarf an Planungs- und Genehmigungskapazität.

Woran es hakt: Material und Menschen

Trotz gesichertem Budget und politischem Rückenwind kommt der Ausbau nicht schnell genug voran. Materialengpässe bei Transformatoren und Kupfer treiben Lieferzeiten und Preise – bei Großtransformatoren werden Wartezeiten von mehreren Jahren berichtet. Und quer durch die Branche fehlen Fachkräfte: Die Netzbetreiber benennen den Personalmangel selbst als eine der größten Hürden des Netzausbaus, gleichrangig mit Genehmigungsdauer und Komponentenverfügbarkeit.

Das Profil des Engpasses ist dabei spezifischer als in anderen Bausparten. Gesucht werden Netzplaner:innen für Trassierung und Systemführung, SCADA- und Leittechnik-Spezialist:innen, Genehmigungsmanager:innen, die Planfeststellungsverfahren nach NABEG führen können, sowie technische Projektleiter:innen für Leitungs- und Umspannwerksbau. Diese Profile entstehen nicht kurzfristig: Wer heute ein 380-kV-Projekt durch die Planfeststellung führen kann, hat dafür in der Regel ein Jahrzehnt Berufserfahrung aufgebaut – und ist bei einem Wettbewerber, einem Ingenieurbüro oder einer Behörde fest eingebunden.

Einordnung für die Personalplanung

Für Netzbetreiber, Energieversorger und Projektierungsbüros ist die Rechnung 2026 ungewöhnlich klar: Die Nachfrage ist über Jahrzehnte gesichert, der Engpass liegt bei Genehmigung, Material und Personal. Bei den raren Senior-Profilen – Netzplanung, Leittechnik, Genehmigungsmanagement – führt der Weg praktisch nur über die vertrauliche Direktansprache im Bestand anderer Arbeitgeber, wie sie im Direct Search strukturiert abläuft; öffentliche Ausschreibungen erreichen diese Zielgruppe kaum. Riverstate besetzt Netzplanungs-, Leittechnik- und Projektleitungspositionen für Netzbetreiber, Energieversorger und Projektierer im Leitungs- und Umspannwerksbau. Welche Positionen in der Energietechnik typischerweise besetzt werden, zeigt unsere Branchenseite Energietechnik.

Der Zeitfaktor spricht dabei für frühes Handeln: Mit jeder Tranche neuer Vorhaben aus der BBPlG-Novelle, die in die Planungsphase geht, konkurrieren mehr Projekte um denselben, langsam wachsenden Personalpool.

Häufige Fragen (FAQ)

Wie viel wird in den deutschen Netzausbau investiert?

Ins Übertragungsnetz rund 50 Milliarden Euro bis 2030 (Schätzung der Übertragungsnetzbetreiber), in die Verteilnetze über 42 Milliarden Euro bis 2032 (Bundesnetzagentur). Bis 2045 sind laut BDEW rund 26.000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen geplant.

Was ändert die Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes 2026?

Der Kabinettsbeschluss vom 29. April 2026 nimmt 45 neue Netzausbauvorhaben in den Bundesbedarfsplan auf und ändert 13 bestehende. Neue Gleichstromleitungen sollen grundsätzlich als Freileitung statt als Erdkabel gebaut werden – das senkt die Kosten und soll den Anstieg der Netzentgelte dämpfen. Das Gesetz befindet sich im parlamentarischen Verfahren.

Warum Freileitungen statt Erdkabel?

Erdkabel verursachen ein Mehrfaches der Investitionskosten von Freileitungen. Da der Ausbau über die Netzentgelte finanziert wird, soll der Freileitungsvorrang Verbraucher und Industrie entlasten. Erdkabel bleiben als Ausnahme unter engen Voraussetzungen möglich.

Was bremst den Netzausbau am stärksten?

Nicht das Budget. Die drei zentralen Engpässe sind Genehmigungsdauer, Materialverfügbarkeit – vor allem Transformatoren und Kupfer – und der Fachkräftemangel, den die Netzbetreiber selbst als eine der größten Hürden benennen.

Welche Fachkräfte fehlen im Netzausbau besonders?

Netzplaner:innen, SCADA- und Leittechnik-Spezialist:innen, Genehmigungsmanager:innen für Planfeststellungsverfahren und technische Projektleiter:innen für Leitungs- und Umspannwerksbau. Diese Profile erfordern meist zehn und mehr Jahre Berufserfahrung und sind am Arbeitsmarkt kaum frei verfügbar.

Ist die Nachfrage im Netzausbau konjunkturabhängig?

Praktisch nicht. Der Ausbaubedarf ist im Bundesbedarfsplangesetz festgeschrieben und folgt dem physikalischen Bedarf der Energiewende – unabhängig von Zinsniveau und Baukonjunktur. Das macht die Energietechnik zum planbarsten Wachstumssegment im Infrastrukturbereich.

Quellen

  • Bundesregierung / BMWE: Zweites Gesetz zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes (Kabinettsbeschluss 29. April 2026, BT-Drucksache 21/6128)
  • Bundesnetzagentur: Investitionsbedarf Verteilnetze bis 2032
  • Übertragungsnetzbetreiber: Investitionsschätzung Übertragungsnetz bis 2030; Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045 (2. Entwurf, März 2026)
  • BDEW: Ausbaubedarf Höchstspannungsleitungen bis 2045
  • Handelsblatt: Material- und Komponentenengpässe im Netzausbau

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